Ein aus öffentlichen Mitteln finanziertes Projekt zur Darstellung jüdischer Geschichte in Berlin steht in der Kritik, weil es zentrale Institutionen jüdischen Lebens im historischen Scheunenviertel nahezu vollständig ausblendet.
Das Projekt „Spurlos verschwunden? – Jüdische Lebenswelten im Herzen Berlins vor der NS-Diktatur“ wird von der Stiftung Neue Synagoge Berlin – Centrum Judaicum in Kooperation mit dem Mitte Museum durchgeführt und aus Mitteln des „Aktionsfonds zur Unterstützung von Projekten gegen Antisemitismus“ der Senatsverwaltung für Kultur und Gesellschaftlichen Zusammenhalt gefördert. Auch das Bezirksamt Mitte unterstützt das Projekt. Ziel ist es, jüdische Lebenswelten im historischen Scheunenviertel sichtbar zu machen.
Eine Prüfung der öffentlich zugänglichen Inhalte zeigt jedoch eine auffällige historische Leerstelle:
Die Israelitische Synagogen-Gemeinde (Adass Jisroel) zu Berlin – die im 19. und frühen 20. Jahrhundert eine zentrale religiöse und institutionelle Rolle im Scheunenviertel als Teil der Spandauer Vorstadt spielte – wird nicht dargestellt. Einfach „weggetrotzkit“.
Der Name „Adass Jisroel“ erscheint in der digitalen Präsentation lediglich einmal – und ausschließlich zur Kennzeichnung eines Gebäudes („Synagoge Adass Jisroel“). Die Gemeinde selbst, ihre Institutionen, ihre Rabbiner, ihre Schulen und ihre Bedeutung für das religiöse und soziale Leben eines erheblichen Teils der jüdischen Bevölkerung dieses Viertels bleiben unerwähnt.
Ebenso fehlt jede Darstellung des historisch eng mit der Gemeinde verwobenen Rabbiner-Seminars zu Berlin, das seit dem 19. Jahrhundert im Gebäude der Gemeinde in der damaligen Artilleriestraße 31 (heute Tucholskystraße 40) untergebracht war und international zu den bedeutenden Ausbildungsstätten orthodoxer Rabbiner gehörte. In der Darstellung des Projekts kommt diese Institution ebenso wenig vor wie die Gemeinde selbst.
An der räumlichen Entfernung vom Gemeindehaus Adass Jisroel zum Scheunenviertel kann diese Auslassung nicht liegen, da andere jüdische Einrichtungen in unmittelbarer Umgebung sehr wohl dargestellt werden.
Dabei ist historisch gut dokumentiert, dass ein erheblicher Teil der koscheren Infrastruktur des Scheunenviertels unter rabbinischer Aufsicht der Gemeinde Adass Jisroel stand und orthodoxe Familien aus dem Viertel ihre Kinder in die Schulen der Gemeinde schickten. Das Rabbinatsgericht der Adass Jisroel galt als höchste halachische Autorität für die orthodoxe Bevölkerung des Scheunenviertels.
Ohne diese religiösen und institutionellen Strukturen der Adass Jisroel lässt sich das jüdische Alltagsleben dieses Stadtteils historisch nicht erklären.
Die Gemeinde erklärt dazu:
„Ein Antisemitismus-Projekt, das jüdische Geschichte ausblendet, verfehlt seinen Auftrag.“
Der Vorgang erhält zusätzliche politische Brisanz, weil der Berliner Senat derzeit selbst Gegenstand eines parlamentarischen Untersuchungsausschusses zum Umgang mit Fördermitteln im Kulturbereich ist. Die Israelitische Synagogen-Gemeinde (Adass Jisroel) zu Berlin, K.d.ö.R. hat den Untersuchungsausschuss des Berliner Abgeordnetenhauses über den Sachverhalt informiert.
Dieser Umgang mit Adass Jisroel hat in Berlin schlechte Tradition. Bereits 1997 bestätigte das Bundesverwaltungsgericht in einem vielbeachteten Urteil die rechtliche Kontinuität und Identität der Israelitischen Synagogen-Gemeinde (Adass Jisroel) zu Berlin. Zugleich wies es die vom Land Berlin – vertreten durch die Senatsverwaltung für Kultur – vertretene Auffassung zurück, die Rechte der Gemeinde seien seit ihrer Zerschlagung in der NS-Zeit unwiederbringlich erloschen und die Gemeinde daher rechtlich nicht mehr existent.
Durch dieses höchstrichterliche Urteil – trotz der gegenteiligen Position des Berliner Senats– ist die Israelitische Synagogen-Gemeinde (Adass Jisroel) zu Berlin heute die einzige jüdische Gemeinde in Deutschland, deren institutionelle Identität und Kontinuität seit dem 19. Jahrhundert rechtlich fortbesteht.
Sie ist die einzige noch existierende altkorporierte jüdische Gemeinde Deutschlands.
Vor diesem Hintergrund fragt die Gemeinde, wie jüdische Geschichte in öffentlich geförderten Projekten dargestellt wird – und welche Verantwortung staatliche Einrichtungen tragen, wenn sie, wie in diesem Fall, mit Steuergeldern Projekte zur Bekämpfung von Antisemitismus fördern.

