Jitro – der Mann, der „gemischte Gefühle“ entdeckte …Schabbat Kodesch – Paraschat Jitro 

Die Vorstellung, wirklich „gemischte Gefühle“ gleichzeitig empfinden zu können, ist relativ neu.

Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein gingen viele Psychologen davon aus, dass positive und negative Emotionen nur nacheinander auftreten können. Man glaubte, man könne sich nicht zugleich gut und schlecht fühlen. Selbst heute sprechen Menschen oft über Glück und Unglück in dieser Weise – als ob die Anwesenheit des einen zwangsläufig die Abwesenheit des anderen bedeute.

In den 1960er-Jahren begann die psychologische Forschung jedoch, Belege dafür zu sammeln, dass positive und negative Gefühle gleichzeitig empfunden werden können. Die Neurowissenschaften lieferten zusätzliche Unterstützung für diese Annahme, als Forscher feststellten, dass positive und negative Emotionen weitgehend mit Aktivitäten in unterschiedlichen Genhirnhemisphären korrespondieren und daher koexistieren können. (Bei vielen Menschen sind negative Emotionen eher mit der rechten, positive mit der linken Gehirnhälfte verbunden – Prof. Arthur C. Brooks.)

In der Parascha dieses Schabbats lesen wir:

„Und Jitro freute sich über all das Gute, das G’tt Israel erwiesen hatte, indem Er sie aus der Hand der Ägypter errettete.“

וַיִּחַדְּ יִתְרוֹ עַל כׇּל־הַטּוֹבָה אֲשֶׁר עָשָׂה ה׳ לְיִשְׂרָאֵל אֲשֶׁר הִצִּילוֹ מִיַּד מִצְרָיִם (שמות י״ח, ט)

Unsere Weisen waren sich jedoch über Jitros Gefühle nicht eindeutig einig.
„וַיִּחַדְּ יִתְרוֹ“ – „Und Jitro freute sich“ – so lautet die wörtliche Bedeutung (חדוה – Freude).
Ein Midrasch-Kommentar erklärt jedoch: Sein Fleisch überzog sich mit Gänsehaut (חדודין) – er schauderte vor Entsetzen und empfand Schmerz über den Untergang Ägyptens.

So lernen wir hier – lange vor den 1960er-Jahren –, dass Jitro gleichzeitig Freude und Trauer empfand.
Ich glaube fest daran, dass wir beim Lesen der Parascha sehr oft eine Lektion fürs Leben lernen.

Manchmal – verborgen in der doppelten Bedeutung eines einzigen Wortes.

Möge es, mit G’ttes Hilfe, viele Gelegenheiten zu reiner Freude erleben.

Herzliche Grüße und Schabbat Schalom
Rabbiner Chaim Michael Biberfeld