Internationaler Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus

Wir gedenken und fragen

Wir gedenken!  Wir gedenken, dass am 27. Januar 1944 Soldaten der Roten Armee das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau erreicht und befreit haben. Sie fanden vor Dantes Inferno auf Erden. Wir gedenken der 6 Millionen ermordeter jüdischen Kinder, Frauen und Männer.. Wir gedenken am heutigen Internationalen  Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus aber nicht nur an diesem Tag gedenken wir. Wir erinnern uns weil wir nicht vergessen können und nicht vergessen wollen. Es ist geschehen und man hat es geschehen lassen.

Der Judenhass blieb auch nach der Schoah Realität. Der schweigenden Mehrheit der Deutschen lässt es heute kalt, dass Juden sich ihres Lebens nicht  sicher sein können. Wo bleiben Interesse, Empathie, Engagement? Oder auch nur  Mitgefühl?

Am Tag des Gedenkens soll nicht vergessen werden wie es war. Deshalb fragen wir:

War das nicht so, dass damals, vor und während der schrecklichen Tatzeit,  die absolute Mehrheit der deutschen Bevölkerung, die „Volksgemeinschaft“, nichts gegen das nationale Vorhaben „Deutschland ohne Juden einzuwenden hatte und, mit rühmlichen Ausnahmen die nicht hoch genug gewürdigt werden können, nichts gegen das über sechs Jahren währende Völkermord  unternahm?

War das nicht auch so, dass die Deutschen, anders als etwa Italiener oder Franzosen, sich nicht nur nicht selbst von Nazismus und Antisemitismus mit-befreiten, sondern hier die Bezwingung durch die Armeen der Anti-Hitler-Koalition erfolgen musste und von der erdrückenden Mehrheit der  Deutschen als Niederlage empfunden wurde?

War das nicht weiter so, dass die deutsche Bevölkerung nach dem 8. Mai 1945 nicht etwa ausgetauscht wurde, sondern logischerweise dieselbe blieb und  in der Folgezeit an ihren Küchen- und Stammtischen   die Sozialisierung ihrer Nachkommen stattfand?

Und war das nicht schließlich auch so, dass die halbe Million deutsche Juden von vor 1933, mit rühmlichen Ausnahmen, nach getätigtem Massenmord von den Deutschen nicht vermisst wurden und nach 1949 weder im Westen noch im Osten Deutschlands ein  Ruf an die jüdischen Davongekommenen etwa so erging: „liebe Leute, es tut uns sehr leid was geschah, bitte verzeiht uns, wir vermissen euch, kommt bitte zurück und lebt mit uns wieder zusammen?“ 

Heute, Jahrzehnte später gibt es den Gegenstand dieses ausgebliebenen Rufs nicht mehr. Bald sind auch die letzten Überlebenden des Genozids den Weg alles Irdischen gegangen. Und dann, dann bleiben nur das Gedächtnis, die passive Erinnerung und das aktive Gedenken. 

Wenn, wie am Gedenktag verkündet wird, dass heutige jüdische Leben für Deutschland „ein Geschenk“ sei das bedingungslos „geschützt“ werden müsse, so sollten der Worte Taten folgen: Fördert das jüdische Leben! Für religiöse, kulturelle und soziale Aufgaben soll nicht gebettelt werden müssen, alle jüdischen Friedhöfe sollen erhalten und gepflegt, alle jüdischen Einrichtungen sollen wirkungsvoll geschützt, alle antisemitische Taten müssen verfolgt und bestraft werden.  

Es bleibt uns die Lehre aus dem Kampf mit Amalek: Sachor – lo Tischkach. Gedenke. Vergiss nicht!