Wenn wir das Gespräch in dieser Parascha studieren, in dem G’tt Mosche Rabbeinu dazu drängt, die Rolle der Führung zu übernehmen, ist es erstaunlich zu sehen, wie viele verschiedene Argumente Mosche Rabbeinu vorbringt, um sich der Mission zu entziehen.
Zunächst erklärt er G’tt, dass die Kinder Israels ihn fragen werden:
מִ֣י אָנֹכִ֗י כִּ֤י אֵלֵךְ֙ אֶל־פַּרְעֹ֔ה וְכִ֥י אוֹצִ֖יא אֶת־בְּנֵ֣י יִשְׂרָאֵ֑ל מִמִּצְרָֽיִם
„Wer bin ich, dass ich zum Pharao gehen und die Kinder Israels aus Ägypten herausführen sollte?“ (Schemot 3,11)
Danach sagt er:
וַיַּ֤עַן מֹשֶׁה֙ וַיֹּ֣אמֶר הִנֵּ֔ה לֹֽא־יַאֲמִ֣ינוּ לִ֔י וְלֹ֥א יִשְׁמְע֖וּ בְּקֹלִ֑י כִּֽי־יֹאמְר֔וּ לֹֽא־נִרְאָ֥ה אֵלֶ֖יךָ ה׳׃
„Sie werden mir nicht glauben und nicht auf meine Stimme hören, sondern sagen: Der Ewige ist dir nicht erschienen.“ (Schemot 4,1)
Als ihm auch darauf eine Antwort gegeben wird, sagt er schlicht:
וַיֹּ֣אמֶר מֹשֶׁ֗ה אֶל־ה׳ בִּ֣י אֲדֹנָ֔י לֹ֥א אִ֛ישׁ דְּבָרִ֥ים אָנֹ֖כִי גַּ֣ם מִתְּמ֣וֹל גַּֽם־מִשִּׁלְשֹׁ֑ם גַּ֚ם מֵאָ֣ז דַּבֶּרְךָ֣ אֶל־עַבְדֶּ֔ךָ כִּ֧י כְבַד־פֶּ֛ה וּכְבַ֥ד לָשׁ֖וֹן אָנֹֽכִי׃
„Bitte, mein Herr, ich bin kein Mann der Rede – weder gestern noch vorgestern, noch seit du zu deinem Knecht gesprochen hast; denn ich habe einen schweren Mund und eine schwere Zunge.“ (Schemot 4,10)
Schließlich sagt Mosche:
וַיִּֽחַר־אַ֨ף ה׳֜ בְּמֹשֶׁ֗ה וַיֹּ֙אמֶר֙ הֲלֹ֨א אַהֲרֹ֤ן אָחִ֙יךָ֙ הַלֵּוִ֔י יָדַ֕עְתִּי כִּֽי־דַבֵּ֥ר יְדַבֵּ֖ר ה֑וּא וְגַם֙ הִנֵּה־ה֣וּא יֹצֵ֣א לִקְרָאתֶ֔ךָ וְרָאֲךָ֖ וְשָׂמַ֥ח בְּלִבּֽוֹ׃
„Da entbrannte der Zorn des Ewigen gegen Mosche, und Er sprach: Ist nicht Aharon, dein Bruder, der Lewit? Ich weiß, dass er reden kann. Und siehe, er wird dir entgegengehen; und wenn er dich sieht, wird er sich in seinem Herzen freuen.“ (Schemot 4,14)
Dies war ein Hinweis auf seinen älteren Bruder Aharon, der bisher „inoffiziell“ diese Aufgabe übernommen hatte.
Es scheint, dass alle vorherigen „Ablehnungsgründe“ nur Ausreden waren für das, was Mosche wirklich beschäftigte:
Nämlich die Sorge, sein älterer Bruder könne sich durch Mosches Ernennung verletzt fühlen – insbesondere, da er bis dahin der „inoffizielle Anführer“ gewesen war.
Warum aber sagte Mosche das nicht sofort?
Er versuchte doch sicher nicht, G’tt seinen wahren Beweggrund zu „verbergen“?
Vielleicht lernen wir aus diesem Kapitel Folgendes:
Oft liegt der eigentliche Grund für unser Handeln tief in unserem
Unterbewusstsein, während wir zunächst nur einen oberflächlicheren Anlass wahrnehmen können.
Mosche verbarg – G’tt behüte – seine Gefühle nicht vor seinem Schöpfer.
Er erkannte nur seinen wahren Beweggrund erst, nachdem er alle offen erkennbaren Gründe überprüft hatte.
Und tatsächlich erklärte er sich erst dann bereit, die Mission anzunehmen, nachdem G’tt ihm versicherte, dass Aharon nicht nur einverstanden sein würde, sondern sich von Herzen freuen werde, dass sein jüngerer Bruder Mosche die Führung des Volkes Israel übernimmt.
Herzliche Grüße und Schabbat Schalom
Rabbiner Chaim Michael Biberfeld

