Herz versus Verstand … Schabbat Kodesch – Paraschat Bo

In der dieswöchigen Schabbatlesung finden sich zahlreiche Hinweise auf das Herz des Pharao. G’tt sprach zu Mosche: „Geh zu Pharao, denn Ich habe sein Herz und das Herz seiner Diener verhärtet, damit Ich diese Meine Zeichen in seiner Mitte vollbringe.“

בֹּא אֶל־פַּרְעֹה כִּֽי־אֲנִי הִכְבַּדְתִּי אֶת־לִבּוֹ וְאֶת־לֵב עֲבָדָיו לְמַעַן שִׁתִי אֹתֹתַי אֵלֶּה בְּקִרְבּוֹ (שמות י, א)

Ebenso lasen wir in den vergangenen zwei Wochen immer wieder Formulierungen, die sich auf die Bosheit des Pharao beziehen – nicht als Produkt seines Verstandes, sondern vielmehr seines Herzens:

„Ich aber werde sein Herz stärken, und er wird das Volk nicht ziehen lassen.“

וַאֲנִי אַחֲזֵק אֶת־לִבּוֹ וְלֹא יְשַׁלַּח אֶת־הָעָם (שמות ד, כא)

„Ich aber werde das Herz des Pharao verhärten und Meine Zeichen und Wunder im Land Ägypten vermehren.“

וַאֲנִי אַקְשֶׁה אֶת־לֵב פַּרְעֹה וְהִרְבֵּיתִי אֶת־אֹתֹתַי וְאֶת־מוֹפְתַי בְּאֶרֶץ מִצְרָיִם (שמות ז, ג)

„Doch das Herz des Pharao blieb hart, und er hörte nicht auf sie, wie der Ewige es vorhergesagt hatte.“

וַיֶּחֱזַק לֵב פַּרְעֹה וְלֹא שָׁמַע אֲלֵהֶם כַּאֲשֶׁר דִּבֶּר ה׳ (שמות ז, יג)

„G’tt sprach zu Mosche: Schwer ist das Herz des Pharao; er weigert sich, das Volk ziehen zu lassen.“

וַיֹּאמֶר ה׳ אֶל־מֹשֶׁה כָּבֵד לֵב פַּרְעֹה מֵאֵן לְשַׁלַּח הָעָם (שמות ז, יד)

Ist es also das Herz – oder der Verstand?

Lange Zeit galt das Herz als hochentwickeltes Organ, doch man war überzeugt, dass jegliche Entscheidungsfindung ausschließlich im Gehirn stattfindet. In den letzten Jahrzehnten jedoch hat die Wissenschaft der Möglichkeit zunehmende Aufmerksamkeit geschenkt, dass das Herz aktiv an unseren emotionalen Verarbeitungsprozessen beteiligt ist und damit erheblichen Einfluss auf unser Handeln und unsere zwischenmenschlichen Beziehungen ausübt.

So könnten die zahlreichen Hinweise der Tora auf das Herz möglicherweise nicht nur symbolisch gemeint sein – sondern sehr real.

Ich schreibe dies nicht nur im Zusammenhang mit der aktuellen Parascha, sondern auch, weil dieser Schabbat den 26. Jahrestag des Ablebens meines Vaters und Lehrers, Rav Pinchas Biberfeld זצ״ל, markiert. Er war für mich das beste Beispiel eines Menschen mit einem außergewöhnlich scharfen, analytischen Verstand und gewaltiger Tora – wie auch weltlicher Gelehrsamkeit – und zugleich mit einem ungewöhnlich warmen, guten Herzen, das bei vielen Gelegenheiten seinen Verstand überstimmte.

Schabbat Schalom und die besten Wünsche

Rabbiner Chaim Michael Biberfeld