Als in Berlin etwa 160.000 Jüdinnen und Juden lebten – viele von ihnen
seit mehreren Generationen, von deren Nachkommen heute nur so
wenige hier noch sind – und als Berlin noch einen halbwegs
zugänglichen Wohnungsmarkt hatte, suchten viele jüdische Familien
ihre Wohnung nicht nur nach Lage und Mietpreis aus. Entscheidend
konnte vielmehr sein, ob die Hausverwaltung auf dem Balkon oder in
einem Innenhof der Mietwohnung die Aufstellung einer Sukka
genehmigte. Bei Adassianer-Familien war das eine
Selbstverständlichkeit. So haben wir es überliefert bekommen.
Warum aber ist die Aufstellung einer eigenen Sukka derart bedeutend,
gibt es doch auch einige schöne und gastfreundliche gemeindliche
Sukkot, in denen man gelegentlich und innerhalb bestimmter
Öffnungszeiten einkehren kann?
Die Gebotserfüllung in der Sukka ist umfassend. Im Gegensatz zu
vielen anderen Geboten, die durch eine einzelne bestimmte Haltung
oder eine konkrete Handlung erfüllt werden, umgibt die Sukka den
Menschen vollständig – mit seinem ganzen Körper und in seinem
gesamten Dasein, den ganzen Tag über: beim Essen, beim Verweilen,
beim Leben. Würde es nicht pleonastisch klingen, könnte man die
Sukka geradezu als eine halachische Einrichtung par excellence
bezeichnen.
So wie die Sukka ihr Dach öffnet, sodass wir durch die grüne Decke
hindurch den Sternenhimmel und damit die Schöpfung unmittelbar
erfahren können, so steht auch die Philosophie unserer Gemeinde für
ein gesetzestreues Judentum, das sich der weltlichen Wissenschaft und
Bildung, der Kunst und Kultur nicht verschließt. Das nennt man die
Synthese von Tradition und Moderne.
Das Verlassen des festen und sicheren Hauses zugunsten der oft
windigen, manchmal auch heimeligen, aber immer vergänglichen
Laubhütte macht deutlich, dass wahrer Schutz nicht von irdischer
Architektur oder materiellem Wohlstand abhängt. Das lehrt uns Demut.
Das Innehalten in der temporären Hütte während der Sukkottage erdet
den Menschen in seinem Alltag. Die Sukka wird so zum Sinnbild für
Juden, die in der modernen Welt verankert sind, sich ihrer
Vergänglichkeit bewusst sind und dabei ganz selbstverständlich ihr
Judentum leben. Das nennt man: Zeitweiliges und Ewiges.
Schabbat Schalom und Chag Sukkot Sameach!

