Masel Tov Victory Day 2020

70 Millionen Tote und ein  Kontinent  in Ruinen. Das Ende dieses organisierte Verbrechen kam heute vor 75 Jahren, am 8. Mai 1945. Ewige Dankbarkeit gebührt den vier Streitkräften der Anti-Hitler-Koalition und den befreundeten Armeen, den Partisanen, den Widerstandskämpfern, allen Menschen die den Bedrängten und Verfolgten halfen. Weltweit wird gefeiert und gedacht, es ist Victory Day, Jour de la Victoire, Den‘ Pobedy, Giornata della vittoria, Yom HaNitzachon.

Eineinhalb Millionen Juden, eine unvorstellbare Zahl, kämpften an allen Fronten in den alliierten Armeen. Zehntausende kämpften in Untergrund- und Partisanenbataillonen. Ungefähr eine halbe Million Juden fielen im Kampf.

Währenddessen wird in Deutschland immer noch gegrübelt, ob es ein Tag der Freude oder der Trauer sei, Sieg oder Niederlage. Eigentlich mit Recht. Wie kann es ein Tag des Sieges oder der Befreiung sein, wenn, mit rühmlichen Ausnahmen, die Deutschen ein Volk von Nazis, Tätern, Profiteure, Kollaborateure, Komplizen, Mitläufer und Wegschauer waren? Das gemeinsame Vorhaben „Deutschland ohne Juden“ hatten sie mit Überzeugung vollbracht, nur im Vereinigten Königreich und in der Schweiz, das unbesetzte Europa, konnte das jüdische Leben weiter existieren. Noch sechs Wochen vor Kriegsende waren, vor den Augen aller, die letzten Deportationszüge aus Berlin Richtung Mord abgefertigt worden. Bis zum vorletzten Tag wurden Todesmärsche gehetzt, Deserteure und versteckte Juden gesucht, denunziert und getötet. Was danach kam ist bekannt. Wir haben nichts gewusst. Auch wir haben gelitten. Alles ganz schlimm. Lasst uns die Ärmel hochkrempeln und nach vorn schauen. Wirtschaftswunder. Capri.

Die Juden waren weg. So oder so. Die Überlebenden, meistens im Ausland, wurden niemals gebeten zurückzukehren. Die politischen, wirtschaftlichen, juristischen Eliten Deutschlands blieben von Nazis durchsetzt. Sie starben alle friedlich im Bett. Heute meint eine gute Hälfte der deutschen Bevölkerung, genug der Erinnerung, genug Holocaust, Schlussstrich.

Staats-und Verwaltungsrechtler wissen: Ob Kaiserreich, Drittes Reich, BRD und DDR oder heutiges Deutschland – unterschiedliche Bezeichnungen, es ist immer der eine deutsche Staat. Wie wär’s wenn wir von dem heute folgenlosen Blick auf  die Vergangenheit einstweilen den Blick aufs sprichwörtliche  Heute richten? Wie wär’s  wenn – als deren Beitrag zum Victory Day – die jetzt und hier wirkenden deutschen Politiker aufgefordert werden, uns ihre Familiengeschichten zu erzählen? Ist das nicht absurd, dass jüdische Familien in zweiter, dritter und vierter Generation persönlich und strukturell, auf unabsehbare Zeit mit den Folgen des deutschen Genozids leben, während jene die in der institutionellen Kontinuität des Verbrecherstaates stehen sich deren Abstammungen,  Wurzeln und Prägungen nicht stellen?

Nach letzten Untersuchungen ist ein beachtlicher Teil der deutschen Bevölkerung (Schätzungen zw. 25 und 40 %) antisemitisch und leugnet den Holocaust. Wie die Umfragen ergeben, findet sich dieser Menschentyp nicht nur bei nationalistischen  Parteien und Kameradschaften, sondern von links bis rechts im gesamten gesellschaftlichen Spektrum.

Glaubt jemand im ernst, dass es darunter keine Politiker und Beamte gibt? Seit der Wiedervereinigung 1990 wird laufend gefordert, die Menschen in Ost und West sollen sich gegenseitig ihre Geschichten erzählen. Gut. Die Juden sollten endlich auch die Geschichten der Deutschen hören. Man möchte schließlich gerne wissen, wie es dazu kommt, dass deutsche Beamte heute immer noch die Tradition pflegen von: „Wer Jude ist – bestimme ich“. Wo kommt das eigentlich her…?

In diesem Sinne – in Erinnerung an alle Kämpfer, die den Nazistaat Deutschland besiegt haben: ein herzliches Masel Tov!