Die Spende und der höhere  Sinn

Parschat Terumá

Ich gebe zu, soweit wie möglich ein Rationalist zu sein…

Das begleitet  mich in der Thora durch Bereschit und den größten Teil von Schemot, bis wir zu den Abschnitten Terumáh Tezawé gelangen.

Bei dem bevorstehenden Abschnitt der Thora, der sich mit Baumaterialien und Utensilien für das Zeltheiligtum, dem Mischkán, befasst, stößt meine rationale Herangehensweise an ihre Grenzen.

Ich muss zugeben, hier erscheint etwas, was jenseits (unserer) rationalen Denkweise liegt: Wieso werden so viele heilige Worte der Thora bei Themen verwendet,  die lediglich als „technisch“ erscheinen und für uns keine moralischen Auswirkungen zu scheinen haben?

Und so, finde ich mich jedes Jahr aufs Neue dabei  zuzugeben, dass wir nicht nur wissen, dass die Thora eine „obere Ebene“ hat, – die viel höher, mystisch und kabbalistisch ist -, sondern dass einige der Gebote, der Mizwot, und speziell jene, die einzelnen Bestandteile und die Formgestaltung des Mishkán betreffen, ausschließlich in diesem „erhabenen“ Kontext verstanden werden können.

Warum sollte es eine Rolle spielen, welche Farbe die Parochet, (jener Vorhang der im Mischkán das Heilige vom Allerheiligsten trennte und in dem sich die Bundeslade befand)  hatte? Wieso sollte G‘tt Mosche Rabeinu so viele Einzelheiten, derart winzige Details, des Zauns vorgeben, der den Mischkan umgibt?

Offensichtlich, weil es eine enorme Bedeutung, in die wir aber nicht eingeweiht sind, haben muss.

Hier müssen wir Rationalisten stillschweigend akzeptieren, dass die heilige Thora nicht bloß ein Gesetzestext  ist, der sich von anderen Rechtsbüchern dadurch unterscheidet, dass es uns von G‘tt gegeben wurde. Die Thora unterscheidet sich ins besondere darin, dass sie auch viele Mizwot enthält, deren Begründung unser menschliches Verständnis übersteigt.

Dies wird sehr deutlich, wenn die Parascha auf die Einzelheiten der Menorah eingeht. Hier hatte sogar Mosche Rabeinu große Schwierigkeiten die eigentliche Bedeutung  der Anweisung zu verstehen, so dass G‘tt ihm eine „Menorah Shel Eish“, ein Feuerleuchter (מְנוֹרָה שֶׁל אֵשׁ) zeigen musste.

Unter der Annahme, dass es sich nicht um ein technisches Problem handelte, das Mosche Rabeinu nicht verstehen konnte, wird dies zu einem Hinweis auf die höhere Bedeutung, die jedem Detail beigemessen wird bis hin, dass selbst Mosche Rabeinu, der eine solche Nähe zu G’tt erreicht hat, hier nicht folgen konnte.

Und so erkenne ich nun etwas was für andere vielleicht  schon viel früher offensichtlich war. Ja, G-tt möchte, dass wir einen sehr detaillierten Moralkodex, – der einen wesentlichen Teil unseres Verhaltens umfasst -, einhalten. Aber darüber hinaus finden wir eine noch höhere Ebene, die vielleicht einige von uns eines Tages würdig sein werden zu verstehen, bloß nicht mittels Anwendung unserer rationalen Möglichkeiten.

Und übrigens – das Wort Teruma bedeutet nicht nur Spende, sondern es bedeutet  auch „Höher“ oder „Oberes“ – vielleicht als Hinweis auf diese Gedanken.

Schabbat Schalom!

Rabbiner Chaim Michael Biberfeld