Die Freude des Monats Adar

Mit Beginn des  Monats Adar, so die Mizwá, nimmt die Simchá, also die Freude, zu. Wie? Freude auf Geheiß? Nicht ganz einfach zu erfüllen.

Ich der folgende Geschichte fand ich ein schönes Beispiel dafür, wie in der Freude die Lösung echter Probleme liegen kann.

Die beiden Brüder, Reb Elimelech von Lizensk und Reb Zushe von Anipoli, wanderten oft zusammen umher und gaben sich als einfache Bettler aus. Sie mischten unter dem einfachen Volk, wollten zuhören, lehren, sprechen, helfen und anleiten, wen und wann immer sie konnten.

Einmal, als sie mit einer Gruppe von Landstreichern unterwegs waren, wurden Mitglieder der Gruppe beschuldigt, Diebe zu sein, was dazu führte, dass die gesamte Gruppe ins Gefängnis geworfen wurde. Im Vertrauen auf ihre Unschuld und eventuelle Freilassung saßen die beiden Brüder still da. Im Laufe des Nachmittags stand Rabbi Elimelech auf, um sich auf Minchah, das Nachmittagsgebet vorzubereiten.

„Was machst du gerade?“ fragte sein Bruder.

„Ich bereite mich auf Minchah vor“, antwortete Rabbi Elimelech.

„Derselbe G-tt, der dir befohlen hat zu beten, hat dir befohlen, nicht in einem Raum zu beten, der für das Gebet ungeeignet ist!“ „Lieber Bruder“, riet Rabbi Zushe, „es ist verboten, in dieser Zelle zu beten, weil da in der Ecke ein Eimer voller Abwasser steht, das macht den Raum für das Gebet ungeeignet.“

Niedergeschlagen setzte sich der heilige Rabbi Elimelech hin und weinte.

„Warum weinst du?“ sagte Rabbi Zushe. „Liegt es daran, dass du nicht beten kannst?“

So ist es, antwortete Reb Elimelech.

„Aber warum weinen?“ fuhr Rabbi Zushe fort. „Weißt du nicht, dass G‘tt, der dir befohlen hat zu beten, dir auch befohlen hat, nicht zu beten, wenn der Raum nicht zum Beten geeignet ist? Indem man in diesem Raum nicht betet, wird eine Verbindung zu G‘tt hergestellt. Es stimmt, es ist nicht die Verbindung, die du gesucht hattest. Wenn du wirklich die g‘ttliche Verbindung dir gewünscht hast, dann kannst du froh sein, dass G‘tt dir die Möglichkeit gegeben hat, in diesem Augenblick sein Gesetz zu erfüllen, egal was es ist.“

„Du hast recht, mein Bruder!“ rief Rabbi Elimelech und lächelte plötzlich. Rabbi Elimelech nahm den Arm seines Bruders und begann vor Freude zu tanzen, weil er die Mizwa erfüllte, an einem unpassenden Ort nicht zu beten.

Die Wachen hörten den Tumult und kamen angerannt. Als die beiden Brüder mit ihren langen Bärten und wallendem Ziziot, den Schaufäden, tanzten, fragten die Wärter die anderen Gefangenen, was passiert sei. „Wir haben keine Ahnung!“ antworteten sie verwirrt. „Diese beiden Juden diskutierten über den Schmutzwassereimer in der Ecke, als sie plötzlich zu einem glücklichen Schluss kamen und anfingen zu tanzen.“

„Ist das richtig?“ höhnten die Wachen. „Sie freuen sich über den schmutzigen Eimer? Wir zeigen es ihnen!“ Sie entfernten den Eimer sofort aus der Zelle.

Die heiligen Brüder beteten dann ungestört Mincha. . .

Wie der Begründer der chassidischen Bewegung, der Baal Schem Tov  sagte – „Ki BeSimcha Tezeu“ – durch die Freude kannst du aus etlichen Schwierigkeiten gut herauskommen…

Schabbat Schalom und einen fröhlichen Monat Adar!

Rabbiner Chaim Michael Biberfeld