Schabbat Parschat Tasria – Sich nicht unbehaglich fühlen

Und G‘tt sprach zu Moshe und sagte:

וַיְדַבֵּ֥ר הֹ‘ אֶל־מֹשֶׁ֥ה לֵּאמֹֽר׃ 

וּבִמְלֹ֣את ׀ יְמֵ֣י טׇהֳרָ֗הּ לְבֵן֮ א֣וֹ לְבַת֒ תָּבִ֞יא כֶּ֤בֶשׂ בֶּן־שְׁנָתוֹ֙ לְעֹלָ֔ה וּבֶן־יוֹנָ֥ה אוֹ־תֹ֖ר לְחַטָּ֑את אֶל־פֶּ֥תַח אֹֽהֶל־מוֹעֵ֖ד אֶל־הַכֹּהֵֽן

„Nach Abschluss ihrer Reinigungszeit für Sohn oder Tochter soll sie dem Cohen, dem Priester, am Eingang der Mishkan, dem Zelt der Begegnung, ein einjähriges Lamm zum Brandopfer bringen und eine Taube oder eine Turteltaube als Sühneopfer.“

Die offensichtliche Frage ist: Welche Sünde hat die Frau begangen? Ein neues Baby zur Welt zu bringen ist eher eine Mizwa als eine Sünde. Warum also sollte sie ein Sühneopfer bringen müssen?

Die Gemara in Nida (31) beschäftigt sich mit diesem Thema  und erklärt, dass sich eine Frau in den Wehen über die damit verbundenen Strapazen so aufregen kann, dass sie ein Gelübde ablegt – nie wieder ein Kind zu bekommen – und dies, so die Gemara, sei die unbeabsichtigte“ Sünde“, für die sie ein Opfer darbringt.

Dies wirft nun eine neue Frage auf:  Warum sollten man die Frau nicht selbst fragen, ob sie tatsächlich ein solches Gelübde abgelegt hat? Schließlich gibt es vielleicht nicht wenige, die diese unbeabsichtigte Sünde nicht begangen haben?

Lassen Sie mich eine kleine Anekdote erzählen: Wir hatten ein sehr nettes Mitglied in unserer Synagoge, Herrn Herzl. (Nicht verwandt…). Sein Sitzplatz befand sich zufällig direkt am Eingang der Synagoge. Ich habe mit der Zeit festgestellt, dass Herr Herzl, wenn er hereinkommt, nie an seinem eigenen Platz stehen bleibt, sondern weiter  in den Saal hinein geht und dann erst eine Kehrtwende zu seinem Platz macht. Ich dachte, es könnte sich um etwas  Kabbalistisches  handeln, etwas was meines eigenen jüdischen Wissens übersteigt.

Dann beschloss ich, ihn zu fragen. Herr Herzl sagte deutlich: „Weil mein Platz in der Nähe des Eingangs ist, finden fremde Gäste es als den ersten Platz, auf dem sie sich niederlassen können, und wenn ich komme, möchte ich nicht zu meinem Platz schauen, da sie sich dadurch unwohl fühlen könnten. Also gehe ich zuerst in die Synagoge weiter  rein und erst nachdem ich mich vergewissert habe, dass niemand meinen Platz einnimmt, gehe ich zurück und setze mich dort hin.“

Ich dachte mir:  Dieser Mann ist ein echter „Mensch“.

Zurück zur Opferdarbietung. Unsere Weisen ז“ל wussten natürlich, dass viele Frauen nicht die Sünde des Gelübdes, keine Kinder mehr haben zu wollen, begehen werden, aber wenn man anfangen würde, sie auszufragen,  könnten diejenigen, die es tatsächlich  taten, sich darüber schämen. Und um dies zu verhindern, hat die Torah nun die  Opfergabe für alle  vorgeschrieben, damit niemand in Verlegenheit komme.

Es ist besser, alle dazu zu bringen, eine Opfergabe zu erbringen, als einzelnen  das Gefühl zu vermitteln, sich unwohl zu fühlen.

Shabbat Shalom und einen guten Chodesh Nissan

Rabbiner Chaim Michael Biberfeld