Das armselige Brot  und die Gastfreundschaft

Wir beginnen den Seder (nach dem Kiddusch) indem wir sagen

„הָא לַחְמָא עַנְיָא דִּי אֲכָלוּ אַבְהָתָנָא בְאַרְעָא דְמִצְרָיִם. כָּל דִכְפִין יֵיתֵי וְיֵיכֹל, כָּל דִצְרִיךְ יֵיתֵי וְיִפְסַח.“

„Dies ist das armselige Brot, das unsere Vorfahren im Land Ägypten gegessen haben. Lass alle Hungrigen kommen und essen.“

Seit meiner Kindheit habe ich mich über die obige Aussage geärgert und meinen Vater gefragt, Wie können wir jemanden einladen, wenn wir bereits beim Seder sitzen? Ist es nicht nur ein Lippenbekenntnis doch eigentlich ohne die ernste Absicht, wirklich jemanden zu beherbergen?

Dieses Jahr habe ich die Botschaft des Haggada-Autors verstanden.

Was tut man, wenn man entdeckt, dass das für den Schabbat zubereitete Essen plötzlich verdorben ist? Es gibt Freunde, von denen wir wissen, dass wir sie zum Essen nicht besuchen können, denn obwohl sie gute Freunde sind, müssten sie bereits zwei Wochen vorher wissen, wann ein Gast kommt… Da sind die anderen, die wir kennen, sie werden immer gerne Gäste aufnehmen, auch wenn sie völlig unvorbereitet sind. Das Essen mag etwas improvisiert sein, aber die Atmosphäre ist wunderbar.

Der Haggada-Autor möchte, dass wir versuchen, zur letzteren Gruppe zu gehören. So sehr, dass Menschen in Not wissen sollen, dass sie zu uns auch dann kommen können, selbst wenn der Seder bereits begonnen hat.

Schabbat Schalom und Pessach kascher wesameach!

Rabbiner Chaim Michael Biberfeld