Auch der ewige Optimist setzt mal aus Schabbat Kodesch Paraschat Wajigasch

Josef bestellte seinen Wagen und fuhr nach Goschen, um seinen Vater Jisrael zu treffen; er stellte sich ihm vor, umarmte ihn und weinte eine ganze Weile an seinem Hals. Dann sagte Israel zu Josef, וַיֹּ֙אמֶר֙ יִשְׂרָאֵ֔ל רַ֛ב עוֹד-יוֹסֵ֥ף בְּנִ֖י חָ֑י אֵֽלְכָ֥ה וְאֶרְאֶ֖נּוּ בְּטֶ֥רֶם אָמֽוּת׃

„Und Israel sprach: Genug! Mein Sohn Joseph lebt noch! Ich will hingehen und ihn sehen, bevor ich sterbe. “ Da sagte Josef zu seinen Brüdern und zu den Angehörigen seines Vaters:

וַיֹּ֨אמֶר יוֹסֵ֤ף אֶל-אֶחָיו֙ וְאֶל-בֵּ֣ית אָבִ֔יו אֶעֱלֶ֖ה וְאַגִּ֣ידָה לְפַרְעֹ֑ה וְאֹֽמְרָ֣ה אֵלָ֔יו אַחַ֧י וּבֵית-אָבִ֛י אֲשֶׁ֥ר בְּאֶֽרֶץ-כְּנַ֖עַן בָּ֥אוּ אֵלָֽי׃

„Und Josef sprach zu seinen Brüdern und zur Familie seines Vaters: Ich will hingehen und Pharao berichten und ihm sagen: Meine Brüder und die Familie meines Vaters, die im Lande Kanaan wohnten, sind zu mir gekommen“. Warum erwähnt er nur seine Brüder und die Familie des Vaters, aber die Ankunft des Familienoberhaupts, seines Vaters Jakov (Israel), den er gerade erst kennengelernt hatte, lässt er aus? Dennoch, als er zum Pharao kam, erwähnte er ihn:

וַיָּבֹ֣א יוֹסֵף֮ וַיַּגֵּ֣ד לְפַרְעֹה֒ וַיֹּ֗אמֶר אָבִ֨י וְאַחַ֜י וְצֹאנָ֤ם וּבְקָרָם֙ וְכׇל-אֲשֶׁ֣ר לָהֶ֔ם בָּ֖אוּ מֵאֶ֣רֶץ כְּנָ֑עַן וְהִנָּ֖ם בְּאֶ֥רֶץ גֹּֽשֶׁן׃

„Und Josep kam und berichtete Pharao: Mein Vater und meine Brüder samt ihren Schafen und Rindern, und was sie sonst haben, sind aus dem Lande Kanaan angekommen und befinden sich jetzt im Lande Gosen.“

Was hat ihn also dazu gebracht, seinen Vater zu „vergessen“ und sich später an ihn zu „erinnern“? Nachdem wir die letzten beiden Torah-Abschnitte gelernt haben, müssen wir zu dem Schluss kommen, dass Josef Hatzadik, der Gerechte, nicht nur sehr klug war (wie der Pharao erklärt), sondern dass er eine große Portion Optimismus gehabt haben muss, um diese Zerreißprobe zu überleben und unversehrt zu bleiben. Viele, wahrscheinlich fast jeder normale Mensch, hätte nach diesem langen Albtraum den Mut verloren und wäre völlig entmutigt gewesen. Aber auch der größte Optimist kann manchmal „durchdrehen“. Josef hat gerade von seinem geliebten Vater gehört:
Jetzt kann ich sterben, nachdem ich mit eigenen Augen gesehen habe, dass du noch lebst. und Josef hat ungewollt die Vorhersage seines Vaters über sein baldiges Ableben akzeptiert. Daher erwähnte er ihn nicht mehr, als er mit seinen Brüdern sprach. Doch bald darauf fand er zu seiner „üblichen“ positiven Einstellung zurück und hoffte, dass Jakovs Aussage verfrüht war und dass er noch viele Jahre mit seiner wiedervereinigten Großfamilie leben könnte. Deshalb erwähnte er gegenüber dem Pharao;

Mein Vater und meine Brüder samt ihren Schafen und Rindern, und was sie sonst haben, sind aus dem Lande Kanaan angekommen und befinden sich jetzt im Lande Gosen.

Positiv zu bleiben ist an sich schon ein sehr wichtiges Hilfsmittel, um Positives zu erreichen.

Shabbat Shalom und herzliche Grüße
Rabbiner Chaim Michael Biberfeld