Pessach 5784 / 2024

Einladungen zu später Stunde… und andere Gedanken zum Sederabend

Die ersten Worte des Seder (nach dem Kiddusch) sind „Ha Lachma Anya“:

הָא לַחְמָא עַנְיָא דִּי אֲכָלוּ אַבְהָתָנָא בְאַרְעָא דְמִצְרָיִם. כָּל דִכְפִין יֵיתֵי וְיֵיכֹל, כָּל דִצְרִיךְ יֵיתֵי וְיִפְסַח

„Ha Lachma – Das ist das Brot der Not, das unsere Vorfahren im Land Ägypten gegessen haben. Jeder, der hungert, soll kommen und essen, jeder, der in Not ist, soll kommen und am Pessachopfer teilhaben.“

Es sieht seltsam aus. Denn wir sind bereits zu Hause, am Tisch. Wen laden wir jetzt ein?  Wer kann unsere „Einladung“ hören – außer den Menschen, die bereits bei uns sind? Vielleicht handelt es sich nicht um eine Einladung zum Essen. Vielmehr ist es eine Einladung für jeden, der seinen Hunger nach mehr Wissen stillen möchte, nach der Befriedigung der Seele und nicht (nur) des physischen Körpers… Die ersten Worte des Seder sind also: Lasst uns jetzt ein offenes Haus führen, in dem jeder seine Gedanken zum Sederabend äußern, diskutieren und vorschlagen kann. 

Oder vielleicht eine Antwort – auf eine eher bodenständige Art: 

Die Familie ist an diesem Abend versammelt, in den besten Kleidern, um einen Tisch herum, der auf die formellste Weise gedeckt ist – mit dem kostbarsten Geschirr, das wir haben, mit silbernen Bechern usw. – so feierlich, dass einigen von uns der Appetit vergehen könnte. Wir sind es gewohnt, in einem viel weniger „offiziellen“ Stil zu essen. 

Deshalb sagt die Person, die den Seder leitet, sofort: „Wer hungrig ist, soll kommen und essen“, um sich zustellen, dass der „formelle Stil“ unsere Stimmung nicht beeinträchtigt und es uns ermöglicht, uns auf normale und angenehme Weise zu verhalten…  “ Formell – aber normal“…

Nach Ma Nishtana lesen wir: Avadim Hayinu L’Pharaoh B’Mitzrayim 

עֲבָדִים הָיִינוּ לְפַרְעֹה בְּמִצְרָיִם, וַיּוֹצִיאֵנוּ יְיָ אֱלֹהֵינוּ מִשָּׁם בְּיָד חֲזָקָה וּבִזְרֹעַ נְטוּיָה. וְאִלּוּ לֹא הוֹצִיא הַקָּדוֹשׁ בָּרוּךְ הוּא אֶת אֲבוֹתֵינוּ מִמִּצְרָיִם, הֲרֵי אָנוּ וּבָנֵינוּ וּבְנֵי בָנֵינוּ מְשֻׁעְבָּדִים הָיִינוּ לְפַרְעֹה בְּמִצְרָיִם.

„Wir waren Sklaven des Pharao in Ägypten, und der Herr, unser G’tt, hat uns mit starker Hand und ausgestrecktem Arm von dort herausgeführt. Und wenn der Heilige, gepriesen sei Er, unsere Väter nicht aus Ägypten herausgeführt hätte – dann wären wir und unsere Kinder und die Kinder unserer Kinder immer noch Sklaven des Pharaos in Ägypten.“

Bei einem Gemeindeseder in München fragte ich einmal meinen Vater (Rabbiner Pinchas Biberfeld זצ“ל : „Heute ist die Ausbreitung der Sklaverei und ihre Vermehrung nicht mit ihren Ausmaßen in der Vergangenheit zu vergleichen. Wie können wir also sagen: „Hätte er unsere Väter nicht aus Ägypten herausgeführt – dann wären wir und unsere Kinder und die Kinder unserer Kinder immer noch Sklaven des Pharaos in Ägypten.“? 

Er antwortete: „Die ganze Idee der Freiheit ist erst durch das einzigartige Ereignis des Auszugs aus Ägypten entstanden. Und wenn sich dieses Konzept damals nicht durchgesetzt hätte, wer weiß, wann oder ob es von der Menschheit aufgegriffen worden wäre. Abraham Lincoln hätte die amerikanischen Sklaven nicht befreit, und Mandela wäre immer noch in Robben Island.“

Wir lesen weiter über einen besonderen Sederabend in Bney Brak: 

מַעֲשֶׂה בְּרַבִּי אֱלִיעֶזֶר וְרַבִּי יְהוֹשֻׁעַ וְרַבִּי אֶלְעָזָר בֶּן-עֲזַרְיָה וְרַבִּי עֲקִיבָא וְרַבִּי טַרְפוֹן שֶׁהָיוּ מְסֻבִּין בִּבְנֵי-בְרַק וְהָיוּ מְסַפְּרִים בִּיצִיאַת מִצְרַיִם כָּל-אוֹתוֹ הַלַּיְלָה, עַד שֶׁבָּאוּ תַלְמִידֵיהֶם וְאָמְרוּ לָהֶם רַבּוֹתֵינוּ הִגִּיעַ זְמַן קְרִיאַת שְׁמַע שֶׁל שַׁחֲרִית.

„Es geschah einmal, dass Rabbi Eliezer, Rabbi Jehoschua, Rabbi Elazar ben Asarja, Rabbi Akiva und Rabbi Tarfon in Bnei Brak saßen und die ganze Nacht die Geschichte des Auszugs aus Ägypten erzählten, bis ihre Schüler kamen und zu ihnen sagten: ‚Die Zeit des morgendlichen Schma ist gekommen.'“

Die Geschichte erzählt uns nichts über den Inhalt ihrer Diskussion.  Was ist also der Zweck der Geschichte?

Vielleicht vermittelt sie eine deutliche Botschaft über das Wesen des Sederabends. Sie lehrt uns, dass die Debatte, der Dialog, das Gespräch – sehr wichtige Teile des Abends sind. Der Gesprächsteil sollte so faszinierend sein, dass wir gar nicht merken, dass die Nacht vorbei ist und ein neuer Morgen angebrochen ist.

Die besten Wünsche für einen glücklichen und guten Jom Tov

Rabbiner Chaim Michael Biberfeld