Brauchte G’tt eine Pause?


Wir lesen in Parschat Jitro:

 כִּ֣י שֵֽׁשֶׁת-יָמִים֩ עָשָׂ֨ה‘ ה אֶת-הַשָּׁמַ֣יִם וְאֶת-הָאָ֗רֶץ אֶת-הַיָּם֙ וְאֶת-כׇּל-אֲשֶׁר-בָּ֔ם וַיָּ֖נַח בַּיּ֣וֹם הַשְּׁבִיעִ֑י עַל-כֵּ֗ן בֵּרַ֧ךְ ה‘ אֶת-י֥וֹם הַשַּׁבָּ֖ת וַֽיְקַדְּשֵֽׁהוּ׃

„Denn in sechs Tagen schuf G’tt Himmel und Erde und das Meer – und alles, was darin ist – und ruhte dann am siebten Tag; darum segnete G’tt den Schabbat und heiligte ihn“.

Es ist offenkundig, dass G’tt keine „Ruhe“ braucht.  Da G’tt allmächtig ist, bedeutet das, dass seine Macht unbegrenzt ist, und die „Arbeit“ der Erschaffung der Welt wäre für ihn nicht „ermüdend“ gewesen. G’tt hat am Schabbat nicht „geruht“. Er hatte vielmehr in diese kleine Welt, die wir bewohnen, das Konzept des „Ruhens“ an jedem siebten Tag „eingebaut“. Die Idee dahinter ist eine einzigartige Kombination von Erneuerung sowohl für unsere körperlichen als auch für unsere geistigen Fähigkeiten.

Vor etwa einem halben Jahrhundert diskutierte ich mit einem bekannten „Haaretz“-Autor, Nathan Dunevich, über das Konzept des Schabbat. Nathan war im Allgemeinen gegen religiös motivierte Zwänge, und wir hatten einige sehr hitzige Debatten über Religion. Dunevich war ein militanter Gegner der israelischen Schabbatgesetze, die einige (eigentlich wenige…) Einschränkungen der Schabbatarbeit an öffentlichen Orten vorsehen.
Dann trafen wir uns wieder und er sagte: „Vielleicht habe ich mich in Bezug auf den Schabbat geirrt“. Ich war erfreut.  Dunevich erklärte: „Ich habe immer geglaubt, dass nur ‚schwere körperliche Arbeit‘ am Schabbat nicht erlaubt ist. – Telefonieren, Faxen, Fernsehen sollten nicht unter die am Schabbat verbotenen Arbeiten fallen“. Er fuhr fort:  „Letzten Schabbat jedoch hatten wir einen Stromausfall in Tel Aviv, und plötzlich wurde mir klar, wie gut es meinem Geist tat – nicht auf meiner elektrischen Schreibmaschine (es war die vor-Computer-Zeit) schreiben zu können, nicht das Radio einschalten zu können, ein paar Stunden lang nicht zu telefonieren“.  Dunevich schloss: „Ich werde am nächsten Schabbat zwar keinen Shtreimel tragen, aber 24 Stunden lang abzuschalten ist ein großer Vorteil für Körper und Geist“.


Ich bin ja mit dem „Schabbat-Konzept“ geboren und aufgewachsen – Dunevich gab mir aber einen neuen Einblick in die Bedeutung der vollständigen Einstellung zur „Arbeit“. In der heutigen Zeit, in der unsere Abhängigkeit von der elektronischen Kommunikationswelt so süchtig macht, wirkt sein Standpunkt sogar noch stärker – das „Schabbat-Handbuch“ ist ein großer Vorteil für unser Leben.

Beste Wünsche und herzliche Grüße

Rabbiner Chaim Michael Biberfeld