Einfach aber vollständig – Schabbat Kodesch Parschat Emor

In der Parscha dieser Woche, Emor, lesen wir viel über die Hohen Feiertagen. Auch über Sukkot, wobei der Etrog einer der Arbat Haminim ist. Die Arba Minim sind die vier Arten  Pflanzen, die in der Thora als relevant für den jüdischen Feiertag von Sukkot erwähnt werden. Wir alle schätzen einen schönen Esrog.

Rabbi Israel Meir Kagan, genannt der Chofetz Chajim – nach dem Titel seines ersten Werkes –, war ein Gelehrter, Ethiker, eine rabbinische Autorität des orthodoxen Judentums. Der Chofetz Chaim prägte einmal ein schönes Gleichnis. Ein einfacher Dorfbewohner ging in die Stadt um einen schönen Etrog für seinen Schwiegersohn, einen Talmid Chochom, einen Torah-Gelehrten, zu kaufen. Er war erfolgreich und kaufte einen wirklich schönen Etrog.

Als er es in sein Dorf zurückbrachte zeigte es seinem Nachbarn. Dieser mochte sofort den Etrog und bot an, ihm den halben Etrog für den Preis abzukaufen, den er für den ganzen Etrog bezahlt hatte. Der Dorfbewohner stimmte zu, schnitt die Hälfte seines Etrogs ab und gab es seinem Nachbarn. Als er seinem Schwiegersohn den halben Etrog überreichte war der Schwiegersohn wütend, er wusste nicht, ob er lachen oder weinen sollte. Der Dorfbewohner konnte die Reaktion nicht verstehen, denn schließlich hatte auch der Rabbi festgestellt, das sei ein wirklich schöner Etrog! Der Schwiegersohn antwortete: „Ich wünschte, Sie hätten mir einen einfachen Etrog gebracht, der ganz war und nicht die Hälfte eines schönen Etrogs, der wertlos ist.“

Der Chofetz Chaim sagt, dass wir manchmal Menschen finden, die in ihrer Einhaltung der Mizwot zwischen Mensch und G’tt vorbildlich sind, aber in den Mizwot zwischen Mensch und Mensch diese Eigenschaft schmerzlich vermissen lassen. Diese Leute sind wie die Hälfte eines schönen Etrogs, der in dieser Form wertlos ist.

Wie in unserem Gleichnis ist ein einfacher, aber vollständiger Etrog besser, so ist auch die Erfüllung unserer Mizwot besser, wenn sie einfach, aber vollständig sind, und das sowohl im Verhältnis zwischen Mensch und G’tt als auch zwischen Mensch und Mensch. 

In diesem Sinne wünsche ich Schabbat Schalom

Rabbiner Chaim Michael Biberfeld