Zwei Ereignisse am 17. Tamuz

Letzte Woche war der 17. Tamuz – ein Fastentag, der unter anderem an das Brechen der Tafeln (Aseret Hadibrot) durch Mosche Rabeinu erinnert.  Daher finde ich jedes Ereignis, das uns mit dem Lernen der Tora verbindet, sehr passend geplant.

1. Ich war in London. Dort habe ich an einer Abschlußfeier, einem Siyum in der “Side by Side”-Schule teilgenommen und gesprochen; es ist eine Sonderschule mit integrierter Kindertagesstätte, die ein einzigartiges Bildungsumfeld bietet. Eine erstaunliche Einrichtung für Kinder mit Lernschwierigkeiten. Ehrlich gesagt hatte ich nicht erwartet, dass die Kinder in irgendeiner Weise ernsthaft auf ihre Leistungen geprüft werden. Zu meiner großen Überraschung wurde ich von den Lehrern darüber informiert, dass wir den Kindern in jeder Klasse Fragen zu dem gelernten Stoff stellen könnten – und gute Antworten erwarten dürften. Was dann geschah, war für mich eine großartige pädagogische Lektion! Kinder, die extrem behindert zu sein schienen, waren dennoch in der Lage, mir Dinge zu erklären, die ich über die Worte Schmá Israel nicht wusste. Erstaunlich. Aber der emotionalste Moment kam, als ein neunjähriger Junge, dessen geistige Behinderung so schwer ist, dass er noch gar nicht sprechen kann, gefragt wurde: “Wie viele Wände hat die Sukkah?” Da er nicht sprechen konnte, deutete er auf vier Finger. Dann wurde er gefragt: “Mit wie vielen Wänden ist eine Sukkah koscher”? Wieder deutete er, diesmal aber nur mit drei Fingern. Da beide Antworten richtig waren, klatschten alle im Raum laut. Der Junge lächelte breit. Ich hatte Tränen in den Augen.

2. Dann nahm ich an einem leichten “Wochentags-Kiddusch” nach Maariv teil, als wir alle das Fasten brachen. Eines der Mitglieder kam zu mir und bat mich, seinem 14-jährigen Sohn (unter vier Augen) dazu zu gratulieren, dass er den (sehr langen, englischen) Nachmittag während des Fastens damit verbracht hatte, den gesamten Talmudtraktat Makkot von Anfang bis Ende zu lernen. Makkot: “Peitschenhiebe” ist ein Traktat im Seder Nezikin (“Ordnung der Schäden”), das als Begleittraktat zum Sanhedrin dient. Nun, dies an einem Nachmittag zu tun, während man fastet, ist eine gewaltige Aufgabe, selbst für einen erfahrenen erwachsenen Rabbiner. Ich war erstaunt über die Willenskraft dieses jungen Talmid Chacham, d. h. dieses jungen Thoragelehrten.Ich denke über diese beiden Ereignisse nach. Ich bin sicher, dass beide dort oben eine große Bedeutung haben! Wie es in der Aussge רחמנא ליבא בעי heißt – “G’tt verlangt das Herz” (Sanhedrin 106). 

Vielleicht hat der Junge, der nur mit seinen Fingern kommunizieren kann, noch mehr vollbracht, wer weiß. 

Herzliche Grüße

Rabbiner Chaim Michael Biberfeld