An Rosch Haschana, dem Jom HaDin, wird das Schofar geblasen. In diesem
Jahr erst am zweiten Tag, da der erste Tag Schabbat ist. Das Schofar ist kein Instrument sanfter Töne; es ist ein Weckruf, der die Seele aufrüttelt – so beschreibt es die Tradition seit jeher.
In diesem Jahr mischt sich dieser Klang mit einer sehr weltlichen Erschütterung: dem Ergebnis der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt, bei der eine Partei stärkste Kraft wurde, die Ressentiments schürt, den Genozid an 6 Millionen Juden (Holocaust) verharmlost und die demokratische Kultur bedroht. Das ist für uns keine abstrakte Sorge, sondern weckt berechtigterweise reale und historisch tief sitzende Befürchtungen hinsichtlich der Zukunft jüdischen Lebens in diesem Land. Wo ist unsere Sicherheit? Wie bewahren wir unsere Identität?
Unser Ort, die Adass Jisroel, hat auf solche Fragen leider nicht zum ersten Mal eine Antwort zu geben. 1869 rund 100 Berliner jüdische Familien gründeten eine eigene, torahtreue Gemeinde. Als ihren ersten Rabbiner und geistigen Inspirator verpflichteten sie Rabbiner Dr. Esriel Hildesheimer זצוק“ל aus Eisenstadt. Sein Lebenswerk wurde gebaut auf einen Satz aus den Sprüchen der Väter: יָפֶה תַלְמוּד תּוֹרָה עִם דֶּרֶךְ אֶרֶץ – „Schön ist das Studium der Torah verbunden mit den Forderungen der Zeit“ (Pirkej Awot 2:2). Dieser Satz ist an der Front unseres Gemeindehauses in der heutigen Tucholskystraße, damals Artilleriestraße, zu lesen. Für Rabbiner Esriel Hildesheimer hieß das: Teilhabe an der Gesellschaft, ja – aber niemals auf Kosten der jüdischen Inhalte. Als der moderne Antisemitismus in Berlin aufloderte, reagierte er nicht mit Rückzug, sondern mit dem Aufbau starker, unabhängiger jüdischer Institutionen.
Sein Nachfolger im Amt, Rabbiner Esriel Hacohen Munk זצ“ל, stand mitten in den Stürmen der Weimarer Republik. Als der antisemitische Agitator Theodor Fritsch mit gefälschten Talmudzitaten antijüdische Hetze betrieb, schwieg Munk nicht: 1924 veröffentlichte er die Streitschrift „Falsche Talmudzitate“ und trat der Verleumdung mit klarem Wissen entgegen. Er zeigte uns und der deutschen Gesellschaft, dass man der Obrigkeit und der Öffentlichkeit nicht unterwürfig, sondern mit Würde begegnet – und unmissverständlich Stellung bezieht. Das haben wir uns gemerkt.
Rabbiner Avraham Eliyahu Kaplan זצ“ל, der 1920 leider nur sehr kurz die Co-Leitung des Rabbinerseminars übernahm und schon 1924 mit nur 34 Jahren
starb – er liegt auf unserem Friedhof in Weißensee, unweit Hildesheimers –, hat sein Lebenswerk der יראה (Jira) gewidmet, der Ehrfurcht vor G’tt. Für ihn war Jira kein lähmender Schrecken, sondern eine wache Empfindsamkeit für die Nähe des Ewigen mitten im Alltag. Gerade das ist die innere Haltung, die durch den Jom HaDin trägt: nicht Angst vor der Welt, sondern Ehrfurcht vor G’tt. Genau das wird an Rosch Haschana gefeiert.
Regierungen und politische Parteien mögen für den Moment mächtig erscheinen – wir dürfen ihre Macht nicht außer Acht lassen –, aber sie sind nicht das letzte Wort der Geschichte. Jüdische Kontinuität reicht weiter.
Wir gehen nicht naiv in das neue jüdische Jahr 5787. Die Sorgen der Juden in Deutschland sind real, und sie müssen von der gesamten demokratischen Gesellschaft gehört werden. Antisemitismus ist nicht das Problem der Juden, sondern ein Problem der Gesellschaft, die ihn aus ihrer Mitte bekämpfen und verbannen muss.
Das Schofar, das wir an diesem Fest blasen, verkündet keine Kapitulation, sondern Widerstandskraft, Hoffnung und jüdische Kontinuität. Die Adass Jisroel wurde einst zerstört, und ja, wir haben sie wieder aufgerichtet – dieser Beleg ist zugleich unsere Verpflichtung für das neue Jahr.
Leschana Towa Tikatewu weTechatemu – möget ihr für ein gutes Jahr eingeschrieben und besiegelt sein!

