Schabbat Nitzavim-Vayeilech: Das Fundament der kollektiven Verantwortung an der Schwelle zu Rosch Haschana

Wir stehen kurz vor Rosch Haschana an einer existenziellen Schwelle. Das jüdische Jahr 5786 neigt sich dem Ende zu, und die Doppelparascha Nitzavim-Vayeilech konfrontiert uns mit den Kernfragen unserer Identität: Wer sind wir als Individuen vor G’tt, und was hält uns als Gemeinschaft zusammen?

Zwei der bedeutendsten jüdischen Denker Westeuropas, die für die Geschichte und das geistige Erbe des gesetzestreuen Judentums und unserer Adass Jisroel in Berlin von besonderer Bedeutung sind, können uns dabei einen wichtigen Zugang eröffnen: der Gaon Rabbiner Prof. Dr. David Zvi Hoffmann זצ“ל, der „Torah-Illui von Berlin“, bekannt als בעל הפירוש על התורה, und der Gaon Rabbiner Dr. Jechiel Jaakov Weinberg זצ“ל, bekannt als בעל שרידי אש ,dessen geistiges Wirken nach der Zerstörung des europäischen Judentums zu einem Licht für den Wiederaufbau der europäischen Orthodoxie wurde.

Die Parascha Nitzavim beginnt mit einer außergewöhnlich eindringlichen Beschreibung:

אַתֶּם נִצָּבִים הַיּוֹם כֻּלְּכֶם לִפְנֵי ה׳ אֱלֹהֵיכֶם רָאשֵׁיכֶם שִׁבְטֵיכֶם זִקְנֵיכֶם וְשֹׁטְרֵיכֶם כֹּל אִישׁ יִשְׂרָאֵל.

„Ihr steht heute alle vor dem Ewigen, eurem G’tt: eure Häupter, eure Stämme, eure Ältesten und eure Amtleute, alle Männer von Israel.“ (Devarim 29,9)

Rabbiner Hoffmann hebt in seiner Auslegung von Devarim hervor, dass diese Szene weit über den Augenblick hinausweist. Der Bund wird nicht nur mit einer einzelnen Generation geschlossen, sondern verbindet auch die kommenden Generationen. Das Wort נִצָּבִים – „ihr steht“ – bezeichnet dabei nicht einfach eine passive Anwesenheit, sondern eine feste, bewusste Haltung. In diesem gemeinsamen Stehen liegt ein wesentlicher Grundgedanke jüdischer kollektiver Verantwortung. Arevut.

Gerade in der Diaspora wird diese innere Haltung zu einer Voraussetzung des Überlebens. Wenn politische Rahmenbedingungen dunkler werden oder gar zerbrechen, ist es dieses gemeinsame Stehen, dieses sichtbare Füreinander-Einstehen, das eine Gemeinschaft zusammenhält. Vom Gelehrten bis zum einfachen Menschen trägt jeder Verantwortung für das Schicksal des gesamten Volkes.

Ein weiterer Vers der Parascha führt diesen Gedanken fort:

הַנִּסְתָּרֹת לַה׳ אֱלֹהֵינוּ וְהַנִּגְלֹת לָנוּ וּלְבָנֵינוּ עַד עוֹלָם לַעֲשׂוֹת אֶת כָּל דִּבְרֵי הַתּוֹרָה הַזֹּאת.

„Die verborgenen Dinge sind für den Ewigen, unseren G’tt; aber die offenbarten Dinge sind für uns und unsere Kinder auf ewig, um alle Worte dieser Torah zu tun.“ (Devarim 29,28)

Hier eröffnet Rabbiner Weinberg einen anderen, aber eng damit verbundenen Zugang. Für einen Menschen, der die Katastrophe der europäischen Judenheit selbst erlebt hatte und später in der Schweiz am Wiederaufbau der europäischen Orthodoxie mitwirkte, gewinnt die Unterscheidung zwischen dem Verborgenen und dem Offenbaren eine besondere ethische Bedeutung.

Das Verborgene – die Geheimnisse der Welt, das Leiden der Gerechten, die Frage nach der göttlichen Vorsehung – übersteigt unser menschliches Begreifen. Unser Auftrag aber liegt bei dem, was offen vor uns liegt: beim Leiden des anderen Menschen, bei seiner materiellen und geistigen Not und bei der Frage, was wir konkret tun können. Gerade in Zeiten der Krise geht es um praktische Verantwortung, um soziale Sicherheit und um menschliche Solidarität.

Die Torah führt uns anschließend zu einem weiteren zentralen Gedanken:

כִּי הַמִּצְוָה הַזֹּאת אֲשֶׁר אָנֹכִי מְצַוְּךָ הַיּוֹם לֹא נִפְלֵאת הִיא מִמְּךָ וְלֹא רְחֹקָה הִיא. […] כִּי קָרוֹב אֵלֶיךָ הַדָּבָר מְאֹד בְּפִיךָ וּבִלְבָבְךָ לַעֲשֹׂתוֹ.

„Denn dieses Gebot, das ich dir heute gebiete, ist nicht zu wunderbar für dich und ist nicht fern. […] Nein, nah ist dir das Wort gar sehr, in deinem Munde und in deinem Herzen, es zu tun.“ (Devarim 30,11.14)

In seiner ganz besonderen sprachlichen und grammatischen Betrachtung macht Rabbiner Hoffmann auf das Ziel des Verses aufmerksam: לַעֲשֹׂתוֹ – „es zu tun“. Es geht nicht um spirituelle Akrobatik und nicht darum, etwas Unerreichbares zu suchen. Torah soll sich im menschlichen Leben verwirklichen.

Tschuwa, Umkehr ist keine Utopie. Niemand sollte sagen: „Ich bin nicht religiös genug“, „unsere Zeit ist zu modern“ oder „ein wirklich jüdisches Leben ist in der Diaspora nicht mehr möglich“. Die Torah ist nah. Sie lässt sich in unser tägliches Leben integrieren. Jede Mizwa, jedes gute Wort und jede ethische Entscheidung im sozialen, beruflichen oder gemeinschaftlichen Leben kann ein Schritt in diese Richtung sein.

Vayeilech führt uns schließlich zu einem weiteren entscheidenden Moment: Mosche Rabeinu übergibt die Führung an Jehoschua. Mosche geht – וַיֵּלֶךְ – und hinterlässt kein Machtvakuum. Er hinterlässt die Torah und den Auftrag des „Hakhel“ – Versammle!:

הַקְהֵל אֶת הָעָם הָאֲנָשִׁים וְהַנָּשִׁים וְהַטַּף וְגֵרְךָ אֲשֶׁר בִּשְׁעָרֶיךָ לְמַעַן יִשְׁמְעוּ וּלְמַעַן יִלְמְדוּ וְיָרְאוּ אֶת ה׳ אֱלֹהֵיכֶם וְשָׁמְרוּ לַעֲשׂוֹת אֶת כָּל דִּבְרֵי הַתּוֹרָה הַזֹּאת.

„Versammle das Volk, die Männer, die Frauen und die Kinder und deinen Fremdling, der in deinen Toren ist, damit sie hören und damit sie lernen und den Ewigen, euren G’tt, fürchten und darauf achten, alle Worte dieser Torah zu tun.“ (Devarim 31,12)

Auch hier lässt sich bei beiden Gelehrten ein gemeinsamer Gedanke erkennen: Hakhel ist ein Gegenmittel gegen Entfremdung und gegen die Vorstellung, Torahwissen sei nur Sache einer kleinen Elite. Rabbiner Hoffmann betont die Bedeutung einer Torah, die allen zugänglich ist. Für Rabbiner Weinberg wird die Verbindung der Generationen durch jüdische Bildung zu einer wesentlichen Voraussetzung für die Zukunft des Judentums. Wenn Alte und Junge zusammenkommen und Torah gemeinsam hören und lernen, wird Überlieferung lebendig.

Am Vorabend des Neuen Jahrs 5787

Wenn in wenigen Tagen der Schofar ertönt, tritt das jüdische Volk, – jede Jüdin, jeder Jude -, vor dem Richter der Welt. Wir tun dies nicht als isolierte Atome, sondern als Glieder einer unendlichen Kette.

Im Sinne von Rabbiner Hoffmann bedeutet dies, das Bewusstsein dafür zu stärken, dass die Erfüllung der Torahgebote erreichbar und erlebbar ist – und zwar genau hier, in unserer heutigen Realität. Und von Rabbiner Weinberg lernen wir, dass unsere Verantwortung dort beginnt, wo das Offenbare liegt: beim Schutz und der Stärkung unserer jüdischen Gemeinschaft.

Möge das kommende Jahr 5787 ein Jahr des Zusammenhalts, der Gesundheit und des Friedens für das gesamte Haus Israel werden!